Berliner Tagesspiegel  |  Eva Kalwa  |  20.07.2008

Wissen ist weiblich

Kurz & Kritisch

Sie ist eine starke Frau. Schön, stolz und unabhängig. Die Liebe akzeptiert sie als Teil ihres Lebens, lässt sich aber nie von ihr beherrschen: Georges Bizet erzählt in seiner 1875 uraufgeführten Oper Carmen die Geschichte einer modernen Frau, für die Freiheit das höchste Gut ist - bis in den Tod hinein. Die konzertante Aufführung durch den philharmonischen Chor und die studentische Philharmonie der Humboldt-Universität erlaubt es, sich ganz auf die Musik und die Entwicklung der Charaktere zu konzentrieren. Dass der Handlungsort Sevilla in einem nach Gras duftenden großen Zirkuszelt auf dem Campus Adlershof liegt, stört nicht: Im Gegenteil, die ungezwungene Atmosphäre passt zu der abenteuerlichen Schmugglerwelt, in welche der biedere Sergeant Don José der freiheitsliebenden Carmen auf Dauer nicht folgen will. Bhawani Moennsad, als Ersatz für die erkrankte Uta Grunewald, füllt die Rolle der Carmen mit ihrem warm lockenden Mezzosopran wunderbar aus. Sie ist der Stern Sevillas und der Star dieses Abends. Gemeinsam mit der überzeugenden Peggy Steiner als Michaela verkörpert sie weibliches Wissen und Geheimnis. Dagegen wirkt Tenor Jevgenij Taruntsov als Don José schwach. Im Duett mit Escamillo (Alban Lenzen) ist er gegen die von Constantin Alex souverän geführten dynamischen Streicher und Bläser kaum zu hören. Auch Lenzens für die Partie des Torero zu unbeweglicher Bassbariton reicht an die Stimmkraft der Carmen nicht heran. Die Ehre der männlichen Partien retten Hans Griepentrog als Zuniga und Tye Maurice Thomas als Morales.


Märkische Allgemeine Zeitung  |  Marlies Schnaibel  |  21.07.2008

KLASSIK: Carmen und Michaela glänzten

Konzert in der Havellandhalle Seeburg / Gefeierte Opernaufführung mit 2200 Zuhörern

SEEBURG - "Diese Musik scheint mir vollkommen", schwärmte einst Friedrich Nietzsche, "sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht." Nun, mit dem Schwitzen war es am Samstagabend so eine Sache. Als die Oper "Carmen" in der Havellandhalle Seeburg aufgeführt wurde, drängten sich 2200 Zuhörer in die Sporthalle, 250 Musiker und Sänger kamen hinzu. Die Oper "Carmen" gilt als große Herausforderung für alle Beteiligten, der Seeburger Abend ist daran nicht gescheitert.

Ein Blick auf den Parkplatz verriet, woher die Besucher kamen: fast ein Drittel Havelländer, einige Potsdamer, einige Oberhavel-Besucher, der Großteil Berliner. Die dortigen Arcarden-Einkaufscenter hatten das Musikereignis beworben und gesponsert. So konnten die Besucher große Oper für kleines Geld erleben.

Große Oper, die machte Dirigent und Chorleiter Constantin Alex mit seinen Musikern und Sängern möglich. Bereits im Januar hatte er mit Humboldts Studentischer Philharmonie in Seeburg überzeugt, nun kamen die jungen Musiker erneut. Diesmal verstärkt durch Humboldts Philharmonischen Chor und den Kinderchor der Gethsemanekirche. Diesen hochambitionierten Laienmusikern waren am Sonnabend zehn internationale Profisänger zur Seite gestellt.

In der konzertanten Aufführung wurde der Besucher vor allem zum Zuhörer. Einen besonderen Genuss boten die beiden Gegenspielerinnen Carmen und Michaela. Die Titelrolle wurde von der deutsch-indischen Bhawani Moennsad gegeben. Die schöne Frau verfügt auch über eine betörend schöne Stimme: Ihr warmer, aber kraftvoller und klarer Mezzosopran gab eine hinreißende Carmen, die alles überstrahlte. Bhawani Moennsad staffierte ihre Rolle mit rotem Kleid und sparsamen, stolzen Gesten aus und zauberte so einen Hauch Sevilla in die sachliche Tennisgroßhalle. Die aus Dresden stammende Peggy Steiner sang die abgewiesene Verlobte Michaela mit tadellosem lyrischem Sopran.

Dem weiblichen Glanzpaar konnten der ukrainische Tenor Jewgeni Taruntsow als Don José und der Münchner Alban Lenzen als Escamillo nicht ganz folgen, vor allem Jewgeni Taruntsow konnte sich mit seiner weichen Stimme schlecht neben Duettpartnern und Orchester behaupten. Das gelang Hans Griepentrog als Zuniga und Tye Maurice Thomas als Morales entschieden besser.

Insgesamt aber war das junge zehnköpfige Solistenaufgebot hochwertig, es ließ die konzertant aufgeführte Dreistundenoper zu einem Erlebnis werden. Der Seeburger Abend machte einmal mehr klar, warum George Bizets Meisterwerk "Carmen" zu den meist gespielten Opern der Welt gehört.

Noch einmal Nietzsche: "Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen. Die Musik ist böse, raffiniert, fatalistisch: Sie bleibt dabei populär." Das sahen wohl auch die Zuhörer am Sonnabend so, sie klatschten nach fast jeder Szene. Nur einige klatschten nicht, sie gingen bereits im zweiten Akt enttäuscht. "Ich seh keinen Sänger und keinen Musiker, nur manchmal den Taktstock. Da kann ich mir auch eine CD einlegen", schimpfte eine Frau im Hinausgehen, "außerdem schwitzt man so."

Carmen Presse