Aus Nürnberger Zeitung  |  Egon Bezold  |  19.12.2006 0:00 MEZ

Lorenz und Sebald teilten sich das Weihnachtsoratorium

Bach - mit Herz erfüllt und unter Druck

Edel sei der Wettstreit der evangelisch-lutherischen Hauptkirchen St. Sebald und St. Lorenz mit Johann Sebastian Bachs Freudenhymnus, dem Weihnachtsoratorium: St. Lorenz startete mit den Kantaten I bis III, tags drauf ließ sich das Sebalder Team mit den Kantaten IV bis VI hören.

Kühn begann Matthias Ank mit dem Orchester Kontraste am Samstag: flottes Tempo, quirlig die dahin flitzende 32stel Vielfalt. Wie erwärmend tönte doch dieser festliche Lorenzer Jubelton - und der kam ganz aus dem Herzen.

Andererseits traten auch einige Defizite zutage: nicht immer ausreichend differenzierte Stimmführung im Chorfugato oder fehlende Leuchtkraft, wenn die Soprane ihre Rezitative in der Kantate I "Er ist auf Erden kommen arm" mit zu wenig Substanz deklamieren. Muss man die Choräle so unter Forte-Druck setzen?

Dagegen sorgte Ank für ausgewogenes harmonisches Musizieren. Unermüdlich treibend beschwor er die Einsätze, bereitete mit klaren Gesten auf schwere Stellen vor. Respekt, wie der Chor bei so viel fließender Zügigkeit aufmerksam agierte, durchwegs sauber intonierte und die Gesangssolisten den oratorischen Rahmen mit prägnanter Deklamation füllten: lyrisch beredsam der Evangelist von Berthold Schmid. Schönes Stimmenmaterial führten Anna Haase (Alt), die Sopranistin Gerlinde Sämann und Thomas Gropper (Bass) vor. Das Orchester Kontraste bot fabelhafte Soli (Oboe und Oboe d'amore, Flöte) und eine alles krönende Trompetenbrillanz in "Herrscher des Himmels . . ."

Lesung, Besinnung, Gebet und Gemeinde reflektieren die lyrisch inspirierten Kantaten IV bis VI, in denen Bernhard Buttmann mit der Sebalder Kantorei am 3. Adventssonntag zu künstlerisch durchaus achtbaren Resultaten gelangte.

Die Kantorei agierte beweglich, auch wenn man sich das "Ehre sei dir, Gott, gesungen" noch deutlicher unterscheidbar in den stimmlichen Verläufen und in einer weniger ratternden als rhythmisch swingend lockereren Gangart vorstellen könnte. Allenthalben war die kundige Hand des Dirigenten in der Führung des Chores zu spüren. Nur im Schlusschoral "Nun seid ihr wohl gerochen . . ." schlug die Bachsche Lebendigkeit dann doch in eine recht gehetzt wirkende Gangart um, was auch der klanglichen Balance weniger gut bekam.

Mit schöner Stimmenfülle imponierte die Altistin Bhawani Moennsad. Udo Scheuerpflug stellte sich als eindringlich erzählender Evangelist vor, nur die Arie "Ich will nur dir zu Ehren leben" geriet zum tönenden Kleingehackten. Stilsicher deklamierten Monika Brustmann (Sopran) und der Bassist Dariusz Siedlik.

Das Nürnberger Bachorchester war auf allen Posten gut besetzt. Lob verdienen die beiden Corni da caccia und die würdige Ruhe ausstrahlenden Oboen d'amore. Allerdings hätte so manche Arie einen weniger breit gestrichenen Streicherapparat besser vertragen. Beide Aufführungen wurden in den dicht besetzten Kirchen mit großem Beifall bedacht.