ANJA BARCKHAUSEN  |  Nürnberger Nachrichten  |  9.10.2006

Ein Meister subtiler Doppelbödigkeit
Schostakowitsch-Trio in Nürnberg

Im Westen als Mitläufer verurteilt, in der Sowjetunion abwechselnd gefeiert und dann wieder von Stalin als "Formalist" geschmäht und bedroht: Das Leben und Schaffen des russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975) glich einer Gratwanderung. "Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein ganzes Leben hindurch gemartert haben", zitierte ihn sein Schüler und Biograf Solomon Wolkow. Mit solchen Fußnoten polsterte das Nürnberger Schostakowitsch-Trio sein herausragendes Konzert in St. Martha.

Am 25. September wäre der längst zum Meister subtiler, hochvirtuoser Doppelbödigkeit gekürte Komponist 100 Jahre alt geworden. Zwischen dem eingangs vorgestellten frühen Klaviertrio op. 8 und dem Klaviertrio op. 67 liegen bereits Welten. Hier Ideenreichtum, Vitalität und früher Enthusiasmus eines 17-Jährigen. Dort die erschütternde Klagemauer aus jiddischen Motiven - entstanden 1944, drei Jahre nach dem Nazi-Massaker von Babij Jar (1941), bei dem in der Schlucht vor Kiew Tausende vor allem ukrainische Juden ermordet wurden.

Beiden Werken näherte sich das von der ersten bis zur letzten Note eng miteinander kommunizierende Trio mit lebendigem und nie plakativem Vortrag. Das stets warme, dezent veredelte Cellotimbre von Sascha Shapiro verweist auf frühe Lehrjahre bei Rostropowitsch. Auch Geiger Mischa Sinelnikov und Pianistin Tatjana Shapiro gingen schroffen Kontrasten und Extremen nicht auf den Leim, gestalteten transparent und ausgewogen.

Den Höhepunkt markierten die ebenfalls kräftig biografisch gefärbten Romanzen und Monologe zu (im Programmheft vorbildlich auf Deutsch und Russisch abgedruckten) Texten von Puschkin. Mezzosopranistin Bhawani Moennsad begeisterte mit sicherem Gespür für verdeckte Bedeutungsebenen und emotionaler Präsenz, was ihre elastische, dunkel grundierte und wandlungsfähige Stimme souverän weiterreichte: Großer Applaus.